Burg Herzberg Festival 2012

Erfahrungsbericht von V-Sitor.

Donnerstag abgechillt bis zum frühen Abend (zum Glück). Halbe Stiege 0,5 Bier in Kühlschrank vorgechillt und eingepackt mit etwas Essen. Self-Inflating LuMa bei Breidenbach geholt und von dort aus dann direkt nach Kirchheim, um drei Kollegen aufzusammeln, zwei aus Berlin, einer aus Kiel (inklusive zwei Zelten, Penntüten, Bettwäsche, einer Gitarre, einem großen Wanderrucksack und zwei kleinen Rucksäcken). In Kirchheim aus dem Getränkemarkt noch ein paar Fläschchen feineres Bier und Wasser mitgenommen.

Burg Herzberg Festival 2012Auf gehts zum Festival-Gelände. Erster Versuch: durch Breitenbach durch und gedacht, wir wären vorbei. In Breitenbach auf einer ortszentralen Wanderer-Info-Karte geschaut und daraus geschlossen, das wir noch weiter müssen. Fahren an den VIP-Eingängen, Polizei-Camp und Festivalgelände-Ausgang vorbei. Eingang noch ca. 15km Schleife fahren.

Irgendwann Ende einer Autoschlange erreicht, es ist Abends ca. 21.30. Ordner meint zu uns: „Na, ihr seid ja noch guter Dinge, wa? Also von hier aus noch so 5-6km. Wenn es dann irgendwann um die Kurve geht, in 2er-Reihen aufstellen und Abschleppöse bereithalten“. Wir noch gelacht: „Ha ha, witziger Kerl.“

Von da an ging es dann vielmals alle viertel bis halbe Stunde ein paar Meterchen weiter. An jeder Station wurde ausgestiegen und Kontakt geknüpft, Bier und Schnaps getrunken, später auch Kaffee aus Wohnmobilen geholt. In der Mitte der Zweier-Reihe kommen alle möglichen Leute vorbei in die eine oder andere Richtung. Stoff verschiedener Konsistenz und mit unterschiedlichem THC-Gehalt wird getauscht, geraucht und geteilt.

Petroleum-Lampen spenden etwas Wärme. Frühs um ca. 6 Uhr kommt das Ganze dann zum Stehen (wir haben noch ca. 100m zum Eingang). Ordner läuft durch die Reihen und sagt: „Unsere Traktorfahrer müssen sich erst mal ausruhen bis ca. 10 Uhr“. Gut, erst mal ne Runde pennen im Auto.

Nächste Idee: Zelte schon mal aufbauen und vorbereiten. Super Ding! Machen wir. Super-Stelle gefunden in Freak City inmitten von Altrockern, Hare Krishna Brüdern und einer Truppe ca. 18-20-Jährigen Festival-Touris, die die ganze Zeit Blödeleien rumkrakeelen, „Wer-bin-ich“ spielen und sich eigentlich nur unter ihrem Pavillon aufhalten. Na ja, wenigstens später festgestellt, das es nicht weit war dorthin, wo dann was los war.

Ich zurück ins Auto. Kommt Pärchen vorbei und fragt, ob es sich mal meine Abschleppöse dann ausleihen darf. Schlange steht, also geh ich mit dorthin. Hmm, ein A4 quattro, Öse passt nicht. Na ja, daraufhin er seine Werkstatt angerufen und in Erfahrung gebracht, wo seine Öse nun wirklich ist, also war das auch gelöst. Irgendwann so ca. viertel nach zehn vormittags komme ich dann endlich mit dem Auto aufs Gelände. Ordner schaut sich den Wagen an und sagt: „Der schafft das so!“ Also ich mich mit dem Auto langsam durch den Schlamm gezogen und einen relativ netten Platz gefunden, allerdings ca. 500 m den Hügel hinab. Sachen gepackt und zum Zelt, die anderen pennen mittlerweile.

Irgendwann sind alle wieder am Start und man beschliesst, erst mal zur Hauptbühne zu gehen. Da gehts auch hin, zwischendurch trifft man auf Hunderte Menschen, die überwiegend aussehen wie in einem riesig großen Café Chaos (Teil des Campus der Hochschule Fulda, betrieben vom Fachbereich Sozialwesen), Durchschnittsalter vermutlich ca. an die 40 Jahre, also alles vertreten.

An den Durchgängen haben sich richtige Schlammfurchen gebildet, was bei so einigen Hippies für richtigen Spaß sorgt. Wir uns erst mal so irgendwie einen Weg gesucht. Auf der Bühne (Main Stage) wird gerockt und die Anlage drückt auch ordentlich.

Gesäumt ist der Platz einerseits von Essens-Buden und andererseits von Bier-, self-made-Schnaps- und Bunte-Klamotten-Buden. In der Mitte stehen die Buden der Weltverbesserer-Organisationen. Aber hey, was war das, die kleine Blonde da in der Greenpeace-Bude is ganz nice. Nun gut, erst mal gibt es eine ganze Menge Bier und selbst gedrehte Zigaretten und der erste Abend macht auch richtig Spaß. Gleich noch die ersten Begegnungen mit den Festival-Dixieklos (die täglich ausgesaugt werden).

Pissoir an der Seite ist ganz okay, aber in die Toilette sollte man nicht schauen, da türmen sich kegelförmig die Kackberge auf. Ekelhaft. Die Freak Stage schaut man sich auch gerade noch mal an und dann erst mal ab ins Bett.

Der nächste Morgen beginnt mit Brötchen, die der früheste von uns geholt hat, Salami und Käse. Danach erst mal ein bisschen locker machen und dann ist es auch Zeit für den ersten Schluck Wodka und das erste Bier, für die anderen erst mal nen Riesenkanten Dope, in gefühlten 10 Tüten geraucht. Dann irgendwann schon relativ unterwegs wieder mal aufs Festgelände.

Tito & Tarantula spielt. Sehr geile Musik eigentlich, Flair ist auch super, Burg im Hintergrund auf der einen Seite, auf der anderen leuchtet der Radiomast über der Pferdekoppel, die komplett zugestellt ist mit Autos, Campingwagen und Zelten, umgeben von tiefen Matschrinnen, durch die mittlerweile noch nich mal mehr Jeeps durchkommen.

Wetter wechselhaft, eine halbe Stunde regnet es, eine scheint die Sonne wieder. Man muss sich ständig umkleiden, zum Glück nicht weit vom Zelt zu den Bühnen und Buden. Der eine Kollege trifft einen wieder, der schon in der Autoschlange bei uns war und nach Dope gefragt hat. Mit ihm gehts zu einem übelst getunten Volkswagen T3, der gehört seinem Pfarrer erzählt er und wir können uns da ruhig niederlassen. Die Kollegen rauchen mit ihm zusammen starkes Kraut.

Der Pfarrer ist sein Sterbebegleiter, erzählt er und er raucht aus medizinischen Gründen. Die Ärzte gaben ihm 2 1/2 Jahre und 4 hat er nun schon geschafft. Dann kommt der Pfarrer: lange Mähne und Hippie-Klamotten, genauso seine Frau. Irgendwie anders und auch total locker. Nun gut, noch mal zum Zelt zurück und dann wieder ab zur Bühne, zwischendurch zich Bier und immer mal n bisschen Wodka. Dann wird auch mal ein bisschen am Zelt auf der Gitarre gespielt und abgechillt.

Der nächste Tag in etwa ähnlich, ich jedoch mit Kopfschmerzen aufgewacht, die auch mit wechselweiser Behandlung durch Ibuprofen, Wodka und Bier nicht verschwinden. Zudem fange ich an, mir Gedanken darüber zu machen, wie morgen die Karre wieder aus dem Matsch rauskommen soll, wenn da Tausende Autos stehen, aber nur 3-4 Traktoren im Einsatz sind. Also nich so gut drauf erstmal, zwar mitgefeiert an der Main Stage, zwischendurch auch mal Halt gemacht im Kinderparadies, wo eigentlich mehr Erwachsene als Kinder an einer Art Perkussions-Station psychedelisch-rhythmische Klangteppiche weben.

Seinen Weg muss man sich immer wieder durch Schlamm kämpfen. Auch an den Alt-Vinyl-Store-Zelten machen wir mal halt, aber eine Picture Disc von Frank Zappa interessiert mich doch nicht so richtig irgendwie. Zwischendurch spielt noch Caravan, wenn auch nur noch zwei von fünf Original-Mitglieder sind, macht es doch richtig Bock. Althippies wippen mit dem Kopf oder tanzen noch wirklich psychedelisch im Woodstock-Style. Schon mal lustig anzusehen.

Auf der Freak Stage spielt eine Band, deren Musik ich nicht verstehe, aber dort ist das Publikum deutlich jünger und ganz viele Kinder von denen, die 1968 genauso jung waren wie sie selbst tanzen in bunten Klamotten durch den Matsch. Zwischen den Kollegen entsteht noch nebenbei ein tiefes Zerwürfnis über die Anzahl an Bechern und Pfandmarken bzw. der Differenz an Anzahl und Personen dazwischen. Dann muss ich irgendwann ins Bett, kann nicht mehr.

Gegen morgen mal ganz schön gefroren und dann irgendwann gemerkt, dass ich nun wirklich mal auf Toilette muss und dies auch getan. Diesmal Glück gehabt. Dann entschließe ich mich dazu, auch noch mal einen Rundgang übers Gelände zu machen und alles anzuschauen, was ich noch nicht gesehen hab.

An der einen Ecke stehen die Leute eine halbe Stunde an, um zu duschen. Was soll das denn überhaupt? frage ich mich. An der anderen stehen sie ne halbe Stunde an, um Brötchen zu ergattern. Das ist ganz cool! denke ich. Dann laufe ich mal vorbei an der Feuerwehr-Station, die ihren Posten am höchsten Punkt auf der Freak-City-Wiese auf einem Riesenlöschfahrzeug eingenommen hat und von da aus das ganze Gelände überwacht.

Dann sehe ich eine Hippie-Tante an einem stilechten Bauwagen, die sich aber mit einer elektrischen Zahnbürste die Zähne putzt. Ah ja, das sind die Hippies von heute, denke ich. Dann treffe ich auf einen meiner Kollegen und wir laufen zusammen die Ständemeile Richtung Hauptbühne hinunter.

Nun und bei Tageslicht fällt mir auf, was es hier doch noch alles gibt. In der einen Ecke die Partei und der Occupy Frankfurt-Wagen und in der anderen eine wirklich süße kleine Shisha- und Kaffeebar in einem Riesenzelt. Dort setzt man sich hin und genießt einen Kaffee, bei dem man über vertane, aber genußvolle Zeit im Studium spricht und darüber, was wichtig ist im Leben.

Beim Weiterlaufen sieht man dann noch einen Stand, an dem man seine Klamotten färben kann. Auf der anderen Seite eine Bar, in deren Mitte eine Konsole mit zwei Plattentellern aufgebaut ist, an der Seite gesäumt von der „Bar jeder Sinne“. Ach so, dachte ich mir, hier kamen also diese zwar psychedelischen, aber wenigstens technoiden Klänge immer her, die ich im Zelt gehört hatte. Und da gibt es dann auch noch den „astrologischen Notdienst“. Alles sehr interessant. Was mir auffällt, äußerst wenig Polizeipräsenz die ganzen Tage, nur einmal wurde einer abgeführt, der es einfach nicht mehr gebacken bekommen hat.

Nun denn, der letzte Tag wird ein chaotischer Wechsel zwischen Sachen zusammenpacken und zum Auto bringen, noch mal zur Mainstage und ein Bier trinken und Fladenbrot mit Fleisch, Soße und Hanfsamen essen, der Flammkuchen von nebenan (aus dem Hause Sporer) war auch nicht verkehrt, auch wenn die Bedienung sich schon nach 10 Minuten nicht mehr an die Gesichter erinnern kann.

Nebenbei ist noch zu erwähnen, dass es von dort, wo es abging, zwei kürzeste Wege zu unserem Zelt gab, von dem der eine nun unbenutzbar war, weil jemand scheinbar den Weg zum Dixiekloh nicht mehr geschafft oder irgendwas anderes verwechselt hat. Jedenfalls hatte er auf diesem Weg seinen Darminhalt von sich gegeben.

Na gut, wir schauen uns das Treiben an, welches an der Stelle herrscht, an dem das Auto steht. Wir merken, das wird so nüscht. Ich gehe mit Kollege zur Festival-Info, damit er nach einer Nummer fürs Taxi fragen kann. Vorher frage ich Breidenbach, ob er mich abholen kann. Oh mann, das kann was werden. Irgendwann die Woche das Auto hier abholen und wie soll ich das durch diese Krater-Landschaft bringen?

An der Info begegnen sie erst mal mit einer Gegenfrage: Wenn Ihr die beantwortet, dann beantworten wir auch Eure Fragen. Die Frage: Wie lauten die Hauptstadt von Burkina Faso? Keiner hats im Kopf.

Nach einiger Zeit der Verhandlung rücken sie doch die Info raus, das man ans andere Ende des Geländes laufen muss und da wird man geholfen. Ich aber frage, wie das mit den Traktoren läuft. Da wird auf einen Landwirt verwiesen, der gerade angekommen ist. Den schnapp ich mir und fahre mit ihm zum Auto. Da schnell wieder die Abschleppöse dran und Bier nebenhin gestellt.

Er zieht mich nach oben. Gerettet! denke ich. Ich stelle Auto noch mal am Ausgang hin, gehe noch mal mit dem Kollegen zu den Kollegen auf die Mainstage und lasse die letzten Eindrücke auf mich wirken. Dann fahre ich mit dem Kollegen nach Kirchheim, stehe noch kurz im Stau (was mir nach den über 12 Stunden am Donnerstag nichts mehr wirklich ausmacht), liefere ihn dort ab und fahre auf dem Landstraßenweg zurück nach Hause.

Schön wars, aber so in dieser Form brauche ich das nicht mehr. Ich schaue mir ein Herzberg-Video von 1971 bei Youtube an und stelle fest, es ist nicht mehr das, was es mal war.

Deutsches Rotes Kreuz

4 Kommentare zu “Burg Herzberg Festival 2012

  1. Bernd

    Hallo, toll geschrieben, ich war auch da, du hast Glück gehabt das du so gut raus gekommen bist, hast du von anderen gehört wie es bei denen so geklappt hat?

    Ich bin Samszagmorgen auf eigen Faust raus, ohne Trecker, hat noch geklappt.

    Habe allerdings bei der Schange am Eingang nur 5 Std. gebraucht, das hattest du echt Pech.
    Nette grüße aus Bielefeld

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  2. gunnar

    sehr gut geschrieben!
    war mein erstes herzberg,
    mit meinen occupy-zürich-freunden und freundinnen,
    vier unvergessliche, tolle tage:
    musik, matsch, freundliche menschen!

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